Dream Your City – Stadtentwicklung ist weiblich

WAS INSPIRIERT SIE UND WO FINDEN SIE IDEEN FÜR DIE ENTWICKLUNG DER SEESTADT WIENS?

Ich ziehe meine Inspiration aus dem täglichen Leben und bin viel unter Menschen. Sie und ihre Geschichten inspirieren mich. Man muss immer in Bewegung bleiben, zumindest in gedanklicher Bewegung, und sollte wissen, was andere Menschen beschäftigt. Das ist im Bereich Stadtentwicklung besonders wichtig, denn eine Stadt für Menschen zu bauen bedeutet, eine große Verantwortung zu haben. Inspiration sorgt für neue Blickwinkel und vor allem für Energie, die man für die Umsetzung der Projekte unbedingt braucht.

WELCHE ROLLE NEHMEN SIE ALS MARKETINGLEITERIN FÜR DIE ENTWICKLUNG DER SEESTADT WIENS EIN?

Als Marketingleiterin verstehe ich mich als Netzwerkerin, die möglichst viele wertvolle Synergien herstellt. Ich verstehe es als meine Aufgabe, auf der Meta-Eben zu arbeiten und meine Netzwerkfäden in jede Richtung zu spinnen.

WIE FÜHRT EINE FRAU AN DER SPITZE IM MARKETING EINES STADTENTWICKLUNGSPROJEKTS?

Eine Frau an der Spitze macht aus meiner Sicht nichts anders als ein Mann. Bedauerlicherweise gibt es nur noch viel zu wenig Frauen in Entscheidungspositionen im Bereich Stadtentwicklung. Das sollte sich unbedingt ändern. Frauen müssen selbstbewusster werden und eine starke Position in der Gestaltung einer Stadt einnehmen. Zum Beispiel haben wir für die Straßen der Seestadt Wiens überwiegend weibliche Namenspatroninnen gewählt. Den Bezug zwischen Mobilität und Weiblichkeit herzustellen, ist dabei kein Zufall. Zahlen und Analysen zeigen, dass mit erhöhtem Mobilitätsgrad durch einen ausgebauten und gut funktionierenden öffentlichen Nahverkehr vor allem Frauen unabhängiger werden und deren Lebensqualität steigt. Stadtentwicklung ist auch weiblich und braucht deshalb mehr Frauen, die Stadt gestalten.

WENN SIE SICH ETWAS FÜR DIE BRANCHE BZW. VON DER BRANCHE WÜNSCHEN DÜRFTEN, WAS WÄRE DAS?

Ich würde mir wünschen, dass die Politik nicht nur von einer Wahl zur nächsten denkt, sondern eine langfristige Entwicklung anstrebt. Die Entwicklung der Seestadt benötigt 20 Jahre. In diesem Zeitraum finden vier Mal Wahlen statt. Das ist gut für die Demokratie, darf aber Stadtentwicklung nicht verzögern. Da benötigt es Menschen, die Verantwortung übernehmen, auch mal Paragraphen anfassen und zeitgemäßer machen. Ich wünsche mir mehr Mut: Wer sich Zukunftsthemen widmen möchte, muss mutig sein.

WENN SIE FREI TRÄUMEN, WIE SIEHT FÜR SIE DIE PERFEKTE STADT AUS?

Die eine perfekte Stadt gibt es nicht, denn die perfekte Stadt ist eine subjektive Empfindung. Für mich ist die perfekte Stadt imit dem Gefühl von Heimat eng verknüpft, sie braucht ein lebendiges Leben im Bereich der Erdgeschosszone und einen Marktplatz, wo wir uns mit Freunden treffen und Zeit verbringen wollen. Die perfekte Stadt gehört den Menschen und nicht den Verkehrsmitteln. Zum Beispiel entsteht im Wiener Bezirk 1 eine Begegnungszone: Die Gehwegkante wurde zurückgebaut, sodass ein Straßenniveau entsteht, auf dem sich alle Verkehrsteilnehmer auf Augenhöhe begegnen. Die Höchstgeschwindigkeit für Fahrzeuge ist auf 20 km/h festgelegt und Fußgänger und Radfahrer haben Vorrang. Die Menschen müssen wieder mehr Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen. Dabei schließt Begegnung Chaos nicht aus. Ich finde, es muss mehr Chaos Orte geben, wo man mehr Aufmerksamkeit für das Miteinander aufbringen muss, anstatt stur Regeln zu befolgen. Die Verkehrsmittel sollten nicht in Konkurrenz zueinander stehen und es braucht alternative Mobilitätsangebote: Mehr Entschleunigung, weniger Lärm. Für mich nimmt Menschlichkeit eine zentrale Rolle in einer perfekten Stadt ein.

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CORNELIA BREDT

… ist Marketingexpertin und leitet seit 2013 die Marketing-Abteilung der Wien 3420 aspern Development AG, welche mit der aspern Seestadt für eines der größten Urban Development Projekte Europas verantwortlich ist. Auf der #reboot2020 wird sie das innovative Stadtprojekt vorstellen.

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