Transformation | New Leisure

Peter Wüst blickt auf mehr als 20 Jahre Erfahrungen in der Handelsbranche mit den Schwerpunkten Bau- und Gartenmärkte zurück. Mit der weltweiten Pandemie steht auch sein Handelsverband vor ungekannten Herausforderungen. Wie packen er und seine Verbandsmitglieder jetzt die Zukunft an? Und was hilft, um in unsicheren Zeiten handlungsfähig zu bleiben? Peter Wüst ist überzeugt, dass Kreativität jetzt mehr denn je gefragt ist, um neue Konzepte und Lösungen zu finden und um künftig von neuen Formaten zu profitieren. 

Wie profitieren unsere Gesellschaft und Wirtschaft trotz Krisenmodus?

Allem voran müssen wir uns bewusst sein, dass diese Krise für viele Menschen und Unternehmen einzigartig ist. Dabei dürfen wir auch persönliche Schicksale nicht klein reden. Gleichwohl ist es enorm wichtig, nach vorne zu schauen. Die Krise ist eine historische Chance, uns vom Ballast der letzten Jahre und von Dingen, die die Transformation behindert haben, zu lösen. Es ist faszinierend zu sehen, wie schnell sich zum Beispiel in der Baumarkt- und Heimwerkerbranche die Unternehmen, Märkte und Mitarbeiter an die veränderten Bedingungen angepasst und ihre Geschäftsmodelle variiert haben. Jetzt ist Kreativität gefragt. Wir profitieren gerade von einer Vielfalt neuer kreativer Ideen und Lösungen.

Was bedeutet die aktuelle Entwicklung insbesondere für die Handelslandschaft von Baumärkten, Gartencentern und Co.?

Wenn wir einige Wochen zurückblicken, dann sehen wir, dass die Pandemie sowohl Politik als auch Gesellschaft und Wirtschaft überrascht hat. Wer muss sein Geschäft definitiv schließen? Und wer darf unter welchen Prämissen öffnen? Es gab vor allem für Retailer, die auch weiterhin öffnen dürfen, keine klaren Orientierungen. Neben den Lebensmittelversorgern waren Baumärkte und Gartencenter in Deutschland die ersten Vertriebsformate, die mit ca. zwei Drittel der Filialen fortlaufend öffnen durften. Gemeinsam als Handelsverband haben wir Maßnahmen besprochen, die den Betrieb der Märkte weiterhin ermöglichen. Dabei war ein initialer Beschluss, dass wir eine Zutrittskontrolle benötigen, um eine grundlegende Sicherheit zu gewährleisten. Für uns haben wir definiert, dass wir nicht mehr als zwei bis drei Personen pro 100 qm Verkaufsfläche zulassen möchten. Daran anschließend haben wir über Schlangenlösungen und den eventuellen Einsatz von Sicherheitspersonal gesprochen. Außerdem konnten wir auf die Kreativität der Branche und der Mitarbeiter zählen. Schutzmaßnahmen an den Kassen wurden zügig und in Eigeninitiative aus Plexiglas und Holzkonstruktionen gebaut. Europaletten fungieren als Abstandhalter. Aufkleber an den Bodenflächen wurden mit eigenen Mitteln entworfen und angebracht, sodass auch die Schlangenbildung mit einem guten Abstand funktioniert. Andere kreative Lösungen berichten unsere Mitglieder aus der Schweiz. Anders als in Deutschland waren die Märkte dort vorübergehend geschlossen. In dieser Zeit wurden die Marktflächen in Stationen für E-Commerce transformiert. So konnte besser auf die stark ansteigende Online-Nachfrage reagiert werden, um dort zusätzlich Pakete zu packen. In den Märkten, die in Deutschland geschlossen werden mussten, wurden Ausgaberutschen nach außen zu den Parkplätzen installiert, um den Bereich Professional weiterhin versorgen zu können. Das Bemerkenswerte daran ist, dass all diese kleinen Innovationen noch vor ein paar Wochen mehrere Monate Entwicklungszeit bedurft hätten. Die Krise bedeutet deshalb einen enormen Zuwachs an Kreativität, die auch prompt Realisierung findet.

Wie wird sich die aktuelle Situation auf den gesamten Bereich Retail auswirken?

Auf der einen Seite gehe ich davon aus, dass sogenannte Retail-Zombies verschwinden werden. Unternehmen, die zuvor schon mit ihrem Geschäftsmodell an Grenzen geraten waren und sich über Jahre nicht weiterentwickelt haben, spüren die Auswirkungen ihrer Versäumnisse nun mehr denn je. Das IFH hat bereits vor der Krise Anfang des Jahres seine Prognosen aktualisiert und ging davon aus, dass bis zu 64.000 Handelsunternehmen bis 2030 verschwinden werden. Ich glaube, diese Quote wird nun viel schneller erreicht sein. Auf der anderen Seite zeigt sich jetzt ganz klar, dass viele Unternehmen auf dem richtigen Weg sind: agile Retailer, die Neues ausprobieren wollen, die sich auf die Beratung der Kunden einlassen und die sich sowieso schon auf dem Weg zum E-Commerce befunden haben bzw. diesen schon erfolgreich beschreiten, profitieren jetzt. Ich bin hier sehr optimistisch, dass viele der klassischen Händler schon auf dem richtigen Weg sind und jetzt noch schneller voranschreiten werden.

Wie werden sich die aktuellen Restriktionen auf unser Leben, unsere Freizeit und den New Leisure Sektor auswirken?

Unsere Freizeit wird, so denke ich, vor allem in Abhängigkeit zu der Entwicklung eines Impfstoffes bestimmt sein. In der Regel benötigen wir für diese Prozesse mehrere Jahre. Ich hoffe für uns alle, dass es nicht so lange dauert. Dennoch gehe ich davon aus, dass das Jahr 2020 definitiv von Einschränkungen geprägt sein wird. Damit bricht natürlich die Frequenz im stationären Handel und auch in den Innenstädten ein. Gerade auch die Schließung der Restaurants wirkt sich auf unsere Freizeitgewohnheiten aus. Ich hoffe, dass der Bereich Gastronomie, natürlich unter Einschränkungen, bald wieder öffnen kann. Trotzdem glaube ich nicht, dass unser Leben und unsere Freizeitaktivität bald wieder so sein werden, wie in 2019. Mit der geringeren Frequenz ergibt sich weniger Umsatz bei weiterlaufenden Kosten. Wenn wir es schaffen wollen, diese Wirkungskette zu unterbinden, müssen wir kreativere Lösungen finden und sowohl Mietkosten senken als auch innovative Vermietungskonzepte kreieren. Die Herausforderung horrender Mieten ist dabei keinesfalls neu: Schon seit Jahren kämpfen Innenstädte mit dem Leerstand vieler Flächen aufgrund von zu hohen Mietpreisen. Die Leerstandsquoten, selbst in bekannten Shopping-Straßen wie der Ehrenstraße in Köln, haben sich in den letzten Jahren massiv erhöht. Die Diskussionen über dieses Problem werden immer lauter. Mit der Pandemie ist der Trend jetzt auch in allen Innenstädten angekommen, die sich bisher nicht mit den Auswirkungen der steigenden Mietpreise auseinandersetzen wollten: Wir befinden uns bereits seit Jahren in einem Veränderungsprozess, der nun durch die aktuelle Situation beschleunigt stattfindet.

Gibt es aus der Sicht Ihres Unternehmerverbandes konkrete, politische Maßnahmen, die jetzt die Branche stützen können?

In erster Linie muss die Politik verstehen, dass das Leben weitergehen muss. Ich denke, dass die Politik sehr schnell richtig reagiert hat. Damit meine ich primär aber keine Umlagezahlungen und Hilfen. Kurzarbeitergeld und direkte Unterstützungszahlungen sind der richtige, kurzfristige Weg. Dennoch müssen wir uns bewusst sein, dass der Staat nicht alle Kosten der Gesellschaft tragen kann. Bewährte Prozesse müssen wieder aufgenommen werden. Hier ist Asien ein sehr gutes Beispiel dafür, dass eine Gesellschaft auch unter Restriktionen wieder anlaufen kann. Wir dürfen als Gesellschaft nicht darauf warten, dass auch die letzte Virusinfektion geheilt ist – das wird auf absehbare Zeit nicht funktionieren. Gesellschaften leben mit Risiken. Jetzt werden wir mit dem Risiko des Virus leben müssen. Um den Gedanken von Wolfgang Schäuble aufzunehmen: Wir müssen die Diskussion führen, dass gewisse Risiken – auch wenn sie sehr bedrohlich sein können – systeminhärent sind und dass wir abwägen müssen, welche Einschränkungen die Gesellschaft und Ökonomie bereit sind zu akzeptieren.

WIE PACKT MAN JETZT DIE ZUKUNFT AN? WAS HILFT DABEI?

Ich denke, dass Kreativität der Schlüssel ist, um in unerwarteten Zeiten handlungsfähig zu bleiben. Wir suchen beispielsweise nach neuen Formaten, um die Leistungen des Verbandes weiterhin darzustellen. In den letzten Wochen zählten tägliche Videokonferenzen, auch an den Wochenenden, zur Tagesordnung, um Veränderungen zu diskutieren und Ideen zu generieren. Durch eine hohe Abstimmungsdichte und die Offenheit für Neues geben wir all unseren Mitgliedern auch die Sicherheit, dass sie sich auf dem richtigen Weg befinden. Ich bin davon überzeugt, dass das die wesentlichen Voraussetzungen sind, um die Zukunft anzupacken.

Weiterhin finde ich die Wahrnehmung von Reinhold Würth, der mit dem Handelsunternehmen Würth ein beeindruckendes Imperium geschaffen hat, sehr inspirierend. Er sagt, dass sich viele Dinge, die zuerst negativ und unangenehmen schienen, im Nachhinein oft als positiv und profitabel entwickelten. Ich glaube, Manager und Personen mit Führungsverantwortung müssen besonders in diesen Zeiten einen Grundoptimismus haben, den auch ich vertrete. Für unseren Verband sind die drei Säulen Faktenkenntnisse, Bauchgefühl und ein gutes Netzwerk essentiell. Zusammen reduzieren sie nicht nur einen großen Teil an Fehlentscheidungen. Sie unterstützen auch einen optimistischen Blick in die Zukunft.

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Peter Wüst

… ist CEO des BHB – Handelsverband Heimwerken, Bauen und Garten e.V. in Köln sowie Geschäftsführer des DIY Academy e.V.

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