Transformation | Retail

Wie sieht die aktuelle Lage des Handels aus und was wird auf uns zukommen? Als Professor für Retail Management mit Spezialisierung auf Digitalisierung arbeitet Nektarios Bakakis mit jungen Menschen, die die Zukunft von Shopping- und Kaufverhalten definieren. In seinen Vorlesungen thematisiert er dabei nicht nur die Auswirkungen der aktuellen Krise, sondern bringt auch sein Know-How aus 25 Jahren Erfahrungen als Manager und Geschäftsführer in unterschiedlichen Retail und New Leisure Bereichen, darunter Meda Küchenmärkte und die Knauber Freizeit GmbH, ein.

Wie profitieren unsere Gesellschaft und Wirtschaft trotz Krisenmodus?

Not macht erfinderisch! Der Stopp von 100 auf nahezu null Prozent hat in vielen Bereichen dazu geführt, dass wir uns wieder intensiver mit unserer Nachbarschaft und unserer direkten Umgebung auseinandersetzen. Mit den aktuellen Veränderungen legen wir unseren Fokus auf Gemeinschaft und Regionalität. Wir entdecken andere Kontaktmöglichkeiten und neue Netzwerke. Ich denke, dass wir diese neue Art von Gemeinschaft dringend benötigen, um auch künftig zueinander zu kommen.

Was bedeutet die aktuelle Entwicklung insbesondere für die Handelslandschaft?

Regionalität bietet eine große Chance für den Handel. Kleine, flexible regionale Anbieter werden wiederentdeckt und lokale Lieferdienste ermöglichen eine neue Art von Versorgung. Außerdem erhöhen sich gerade auch für kleinere Retailer die Möglichkeiten, ihr Sortiment auch online anzubieten, denn Startups entwickeln immer schneller neue, selbstverwaltete Services, die die Abhängigkeit von großen Plattformen reduzieren. Klassische stationäre Händler sind jetzt auch binnen kürzester Zeit online vertreten. Natürlich führt die Verlagerung zum Online Retail nicht zu einer gänzlichen Kompensation der fehlenden, stationären Umsätze. Wir müssen künftig über ganz neue Wege für Retail und Vertriebskanäle nachdenken. Mein Fazit lautet daher: Regionalität, Gemeinschaft und Digitalisierung sind die aktuellen KPIs im Retail.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung gerade jetzt und auch nach der Krise?

Das Thema der digitalen Transformation ist natürlich nicht neu. In der Vergangenheit hat sich in Deutschland vor allem eine Frage häufig gestellt: Warum dauert die Transformation so lange? Hier spielen natürlich Regularien wie Datenschutzbestimmungen eine Rolle. Ich denke jedoch, dass gerade in Deutschland das Thema Angst vor der Digitalisierung ein wichtiger Faktor ist, der transformative Prozesse verlangsamt bzw. verlangsamt hat. Durch die weltweite Pandemie befinden wir uns jetzt in einer Phase der „Zwangs-Digitalisierung“. Prozesse laufen jetzt viel schneller ab. Nun sieht jeder zunehmend die Chancen, die sich mit der digitalen Transformation ergeben, anstatt zögernd vor Neuerungen zurückzuschrecken. Ein Paradebeispiel ist für mich das bargeldlose Bezahlen. Bis vor kurzem war Bargeld unser primäres Zahlungsmittel. Mit den neuen Hygienebestimmung ist jetzt auch der letzte Konsument dazu angehalten, die kontaktlose Zahlmethode zu verwenden. Dadurch kommen wir unwillkürlich mit einer Transformation in Kontakt, die manche zuvor strikt abgelehnt haben und von der sie sich nun überzeugen können. Ich bin mir sicher, dass viele der momentanen Digitalisierungsprozesse auch langfristig erhalten bleiben werden.

Wie wird die Handelslandschaft der Zukunft aussehen?

Ich denke, Vielfalt ist enorm wichtig, um eine nachhaltige Marktstruktur zu entwickeln. An diesem Punkt setzt aktuell sowohl eine große Chance als auch ein enormes Risiko an. Ich hoffe, dass wir die Chance nutzen, um viele neue Ideen durchzusetzen und eine gut durchmischte Diversität an Angeboten zu schaffen. Wenn wir hier nicht reagieren, wird der Markt noch stärker von etablierten Retailgiganten dominiert. Diese generieren Geschäftsmodelle aus Daten in einer Größenordnung, mit der der kleine Einzelhändler nicht mithalten kann. Insofern braucht es in der Retail-Industrie gerade jetzt sehr schnell regulative Prozesse, die die Verantwortung und Pflichten von Plattformen definieren. Wenn wir diesen Moment verpassen, werden wir zunehmend sehen, dass der stationäre Einzelhandel kaum noch reagieren kann. Nehmen wir allerdings die Chance der aktuellen Transformationswelle wahr und etablieren schneller als je zuvor regionale und überregionale Alternativ-Plattformen, kann der Handel nachhaltig profitieren. Dazu ist aber auch ein verändertes Mindset nötig. Stationäre Einzelhändler müssen das Thema „stationär“ aus ihren Denkstrukturen entfernen und sich kanalübergreifend als Händler bzw. Händlerin begreifen. Um das Buzzword Omni-Channel ins Spiel zu bringen: Ein veränderter Denkansatz in Richtung Omni-Channel-Retail bedeutet nichts anderes, als immer für die Kunden da zu sein, egal welchen Kanal sie nutzen. Es gibt bereits erste Vorreiterprojekte, die zeigen, wie das funktionieren kann. So hat sich beispielsweise in Wuppertal die ganze Innenstadt zusammengetan und eine Online-Plattform gebildet. Das innovative Projekt wird von staatlichen Mitteln gefördert. So verlieren auch wertvolle kleine Händler nicht den Anschluss. Zum veränderten Verständnis der Händler selbst kommt hinzu, dass wir uns als Kunden ebenfalls ändern müssen. Unser Verständnis von Preis und Qualität steht oft in keiner Relation. Wir möchten es zu häufig noch billiger haben. Das bedeutet im Umkehrschluss: wir importieren lieber viele kleinwertige Produkte aus der ganzen Welt, da die Versandkosten häufig viel geringer sind, als eine regionale Produktion zu unterstützen. Hier müssen wir handeln! Die Preisbildung von Produkten muss unbedingt Faktoren der Ökologie und Nachhaltigkeit beinhalten. Zusätzlich müssen wir uns als Kunden die Frage stellen: Brauche ich das wirklich? Ist es nicht auch genug, weniger zu besitzen bzw. bewusster zu konsumieren?

Um meine Gedanken zur Zukunft des Handels noch einmal zusammenzufassen: wir müssen auf die großen Plattformen acht geben, der regionale Handel muss dazu alternative Ideen entwickeln und Kunden müssen ihr Konsumverhalten aktiv reflektieren. Nur wenn wir gemeinsam handeln, können wir langfristig nachhaltige Strukturen entwickeln. Dabei müssen wir auch die bisherige Schnelligkeit und Prozesse der Globalisierung überdenken.

WIE PACKT MAN JETZT DIE ZUKUNFT AN? WAS HILFT DABEI?


Zum einen sollten wir ganz stark auf Gemeinschaft und das Miteinander setzten. Hier brauchen wir neue Konzepte, die (Einkaufs-)Erlebnisse gestalten, einen einfachen und kanalübergreifenden Zugang ermöglichen und ein vernünftiges Preis-Leistungs-Verhältnis erzeugen. Für mich sind Menschen und der persönliche Kontakt trotz zunehmender Digitalisierung ein wichtiges Element des Omni-Channel Shopping-Erlebnisses. Ich denke nicht, dass wir in einer voll-automatisierte Welt glücklich sein würden.

Zum anderen müssen wir heute darüber nachdenken, wie wir nicht nur aktuelle, sondern auch zukünftige Akteure bzw. Konsumenten erreichen. Welche Konzepte braucht es schon jetzt, um den Weg für einen nachhaltigen, menschlichen Omni-Channel Retail zu bereiten? Wie können wir ein neues Verständnis von Retail bewirken? Und wie können wir die Gesellschaft und Wirtschaft von diesen neuen Konzepten überzeugen? All das sind Fragestellungen, die ich in meinen Vorlesungen mit den nachfolgenden Generationen bespreche.

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PROF. NEKTARIOS BAKAKIS

… ist Professor im Fachbereich Retail Management an der Hochschule Worms. Zuvor war er 25 Jahre im Top-Management im New Leisure Bereich tätig, zuletzt als CEO der Meda Küchenfachmärkte.

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