Transformation | Retail

Bei dan pearlman stellen wir uns mit der DAN ACADEMY die Frage, wie wollen wir leben und arbeiten? Gerade jetzt ist diese Frage aktueller denn je. Einerseits ringen wir täglich um neue Antworten auf die akuten Herausforderungen durch die Coronavirus-Pandemie. Andererseits wollen wir ganz bewusst einen gedanklichen Blick in die Zukunft werfen und Mut machen, unsere Gesellschaft und Wirtschaft mit Expertise, Kreativität und Optimismus neu zu denken. 

Wie profitieren unsere Gesellschaft und Wirtschaft trotz Krisenmodus?

Zum einen erleben wir gerade jetzt eine beeindruckende Hilfsbereitschaft. Die Krise sorgt für Solidarität. Einstige Wettbewerber arbeiten zusammen, neue Kooperationen entstehen. Konkurrenzgedanken treten zurück.     

Zum anderen erleben wir gerade einen Quantensprung in Sachen Digitalisierung. Auch wenn die Digitalisierung seit mehr als zehn Jahren Dauerthema ist, wurde darüber oft kontrovers diskutiert. Nun überholt ein Virus jeden Bedenkenträger und wird zum Transformationsbeschleuniger. Gerade jetzt müssen Unternehmen agil sein, sich schnell anpassen und gegebenenfalls sogar ihr Geschäftsmodell auf den Prüfstand stellen. Wer bisher digital gut aufgestellt war und agiles Arbeiten und New Work Formate installiert hat, ist klar im Vorteil. Wer kann, zieht nach und bietet seine Services digital an oder baut sie weiter aus. Alles, was digital vernetzt, baut gerade Brücken in Gesellschaft und Wirtschaft.    

Mein Fazit: Die Krise bietet also vor allem die Chance, den erzwungenen Stillstand bewusst zu nutzen, um als Gesellschaft zusammenzurücken und notwendige Veränderungen aktiv auf den Weg zu bringen.  

Was bedeutet dies insbesondere für den stationären Handel?

Für den stationären Handel stellen sich zwei essentielle Fragen:
Erstens, kann man aus geschlossenen Läden heraus verkaufen und wenn ja, wie?
Zweitens, wie kann man digital aufschließen, wenn man die eigene Online-Präsenz bisher vernachlässigt hat.

Aktuelle Lösungsansätze sind schlau und vielfältig: Drive-in Retail wie zum Beispiel bei Karls Erdbeerhof ermöglicht einen Verkauf trotz geschlossener Flächen. Live-Stream-Shopping von hello-lisa baut Brücken aus geschlossenen Shops zum Konsumenten zuhause. Auch Google local inventory ads können verfügbare Produkte in der Nähe des Konsumenten bewerben, die dann mittels Fahrradkurier zum Kunden kommen. Alternativ schaffen Retailer über Instagram gleich ihren eigenen Shopping Kanal. Jetzt schlägt auch die Stunde der Ökosysteme, wenn neue Plattformen wie wir-liefern.org gerade kleine, lokale Händler mit Kunden verbinden, ohne dass Giganten wie Amazon ins Spiel kommen müssen. Auch ungewöhnliche Kooperationen wie die der österreichischen Online-Apotheke medistore, die nicht-digitale Winzer bei der Vermarktung ihrer Weine Huckepack nimmt, früher undenkbar, sind jetzt möglich.

Kreative Kooperationen punkten auch, wenn etwa Messebauer ihre Modulsysteme zur Zonierung von Retail Drive-in und Pick-up Services zur Verfügung stellen. Was jetzt zählt, sind schnelle und kurze Wege und ungewöhnliches Denken.

Wird sich die Krise auch in Zukunft auf den Handel auswirken?

Ich glaube nicht, dass die Handelswelt nach der Krise so sein wird, wie vor der Krise. Vielmehr muss sich der Handel darauf einstellen, dass die alte Frequenz gerade im stationären Retail für eine lange Zeit schwer zurückzuerobern ist.

Aus meiner Sicht gibt es dafür mehrere Gründe:

Zum einen werden vor allem ältere Konsumenten und Risikogruppen ein gestiegenes Sicherheitsbedürfnis haben und Shoppingmassen meiden müssen, weil das Virus für sie erst nach einer durchgeführten Impfung keine Gefahr mehr ist.

Zum anderen wird gerade der letzte Online-Shopping-Muffel auf die Vorteile des Online Shoppings konditioniert. Klassische Bedarfskäufe werden künftig wohl endgültig online getätigt. Erschwerend hinzu kommt, dass viele jetzt ausfallende Käufe saisonal sind und auch nach Aufhebung der Beschränkungen nicht nachgeholt werden. Dies trifft auf eine dünner werdende Finanzdecke bei den Retailern und die auch vor der aktuellen Krise bereits bestehenden Probleme im Handel. So wird die Krise zum Brandbeschleuniger.  

Zusätzlich wird ein neues Denken die Konsumenten leiten. Sie werden fragen, ob sie wirklich konsumieren müssen und wenn ja, was. „Brauche ich das überhaupt und welche Relevanz hat dieses Produkt, dieser Service für mein Leben?“ Eine neue Form des bewussten Konsums wird sich als sexy und zeitgeistig etablieren. Aktuell erlebt die Welt eindrücklich, welchen Mehrwert es hat, wenn wir das globale Konsumrad anhalten und es unserem Planeten dadurch besser geht. Ich glaube, eine neue Suche nach Sinn und Sinnhaftigkeit treibt den Konsumenten in der Post-Corona-Zeit. 

Was heißt das für den Handel?

In der Zukunft führt kein Weg mehr daran vorbei, den Handel als Teil der Freizeitwirtschaft einzuordnen. Retail ist und wird vom Konsumenten noch mehr als Freizeitaktivität verstanden, mit der ein echter Freizeit- und Entertainment-Mehrwert verbunden sein soll. Der Handel muss deshalb mit „Erlebnis pro Quadratmeter“ punkten. Doch das allein wird nicht reichen. Dem „Social Distancing“ wird eine neue Qualität des Menschlichen und sozialen Miteinanders folgen. Der Faktor Mensch wird zum Dreh und Angelpunkt. Was zählt sind Freundlichkeit und Kompetenz,

Loyalität und Vertrauen. Gute Beratung, das persönliche Gespräch, die Kennerschaft der Vorlieben und Bedürfnisse der Kunden, die Loyalisierung von Vertrauen und Treue wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor. Kunden dürfen nicht länger eine Kassengröße sein, sondern werden zur erweiterten Shopping Family. Das Menschliche wird dabei aus meiner Sicht gerade für kleine Retailer und Manufakturen die Lebensversicherung werden. Zusätzlich gewinnt alles Lokale an Wert. Im hyperlokalen Umfeld entdecken wir unsere Lieblingsläden und lernen die Nahversorger lieben. Nachbarschaft ist cool. Hier können Händler in Zukunft punkten, wenn sie ihre Produktion lokal in Europa und Deutschland neu verorten.

Eine neue Form des Co-Retailing durch die Bildung eigener Communities wird entstehen. Die Erfolgsformel „Experience per Squaremeter“ lässt sich also erweitern zu „Community Experience per Squaremeter“.

Warum wird das Menschliche eine so große Rolle spielen?

Aktuell sehen wir, wie Konsumenten zu Mäzenaten von Einzelhändlern, Hotels, Gastronomie und Kulturinstitutionen werden. Über Geschenkgutscheine wie etwa von helfen.berlin stützen Kunden fragile Geschäfte. In der Musikwelt gibt es Spendenaktionen für Clubs, die über ein Live Streaming aus leeren Clubs akquiriert werden. Irgendwie eine verkehrte Welt, aber eine, die Spuren hinterlassen wird. Anbieter und Abnehmer leben eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Wer sich stützt, wie unter Freunden oder in einer Partnerschaft üblich, möchte danach nicht mehr nur als Zählstelle für die Gewinnmaximierung wahrgenommen werden. Im Gegenteil, gerade jetzt können Unternehmen viel verspielen und es prägen sich Negativbeispiele wie die Aussetzung der Mietzahlungen durch adidas in die Konsumentengehirne ein.

Wie packt man jetzt die Zukunft an? Was hilft dabei?

Aktuell öffnet sich ein Transformationsfenster, in dem Vieles möglich ist und wir Innovationen wie die Digitalisierung nicht sequentiell abarbeiten müssen, wenn wir den Turbo einlegen und einfach kreativ sind. Wenn wir es schaffen, aus der Krise eine Chance zu machen, dann haben wir gewonnen. Ansonsten bleibt uns eine Dystophie der vertanen Chance und das wird wirtschaftlich wie gesellschaftlich schmerzvoll. Jetzt gilt es, langfristig zu denken und kurzfristig zu agieren.

Ich wünsche mir, dass die Krise als ein Transformationsbeschleuniger wirkt – für kreative Geschäftsmodelle, neue Ökosysteme, mehr Digitalisierung und mehr Menschlichkeit. Und mein wichtigster Wunsch ist der nach einer nachhaltigen und menschlichen Welt mit einem gesunden Klima. Es liegt an jedem einzelnen von uns. Deshalb mein Rat: Transformieren Sie! Geben Sie auch disruptiven Ideen einen Raum, versuchen Sie Neues, seien Sie ein kreativer Zukunftsdenker. Mehr denn je gilt: Kreativität ist die Währung der Zukunft. Wir haben alle Möglichkeiten, unser altes Handeln nach der Devise „Profit, People, Planet“ abzulegen. Für mich geht es um „Planet, People, Profit“ – und zwar genau in dieser Reihenfolge.

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NICOLE SROCK.STANLEY

… ist Expertin im Bereich Retail und Freizeitindustrie sowie Destinationsentwicklung mit besonderem Fokus auf Place Making / Branding. Ihre Expertise macht sie zu einer gefragten Beraterin von Retailmarken und Shopping Center Betreibern, von Start-ups, Mittelständlern und Konzernen.

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